Humanitarian Engagement


Abstract

this article is an introductionary summary to the poro and bondo secret societies in Sierra leone.

It was first published in Paradigmata Voll 11.2014. link to paradigmata - zeitschirft fuer Menschen und Diskurse

Artikel

Dieser Artikel ist ein Ausschnitt aus meinem Forschungsbericht zu Secret Societies in Sierra Leone. Ich forschte (08.-09-2012; 09.2013) in Freetown zu indigenen Entwicklungsvorstellungen, als Befragte begannen, Geheimgesellschaften verstärkt zu thematisieren und eine Forschung hierzu einzufordern. Es folgte eine intensive Untersuchung Leones mit über 80 Interviews.

Im Zuge dieser Forschung wurde ich mehr und mehr als Sprachrohr benutzt und die von der Kultur- und Sozialanthropologie leider oft universal angenommen Macht zwischen Forschenden und Beforschten wurde radikal umgekehrt. Die generelle Ablehnung von Forschungen im globalen Süden aus Angst, zur weiteren Marginalisierung der Betroffenen beizutragen, entzieht den Menschen die Möglichkeit, selbst zu bestimmen ob, und in wie fern sie sich äußern möchten und trägt so dazu bei, dass Machtstrukturen nicht nur reproduziert sondern zementiert werden, ein Umstand, dem ich mich mit dieser Forschung zu entziehen versuche.

Secret Societies sind sehr alte, traditionelle Institutionen, die einen integralen Bestandteil sierra-leonischer Kultur darstellen und sowohl ökonomisch, politisch als auch sozial eine tiefgreifende Rolle spielen, da sie über eigene Glaubens-, Rechts-, Sozialisierungs-, Bildungs-, und medizinische Systeme verfügen.

Geheimgesellschaften Westafrikas haben eine lange Geschichte hinter sich und folgen teilweise starren Regeln und Konzepten, während sie sich gleichzeitig kontinuierlich wandeln.

"[T]heir primary purposes are to regulate sexual identity, social conduct and to mediate relation with the spirit world. (…)They play a major role in maintaining law and order" (Gwokto 2012: o.S.).

Jede ethnische Gruppe hat ihre jeweils spezifische Society. Die beiden größten und alle ethnischen Gruppen übergreifenden Geheimgesellschaften sind die Poro Society für die Männer und die Bondo/Sandé Society für die Frauen.

In ihnen werden Glaubenssysteme, Traditionen und Regeln der Sozialisation und des gesellschaftlichen Zusammenlebens, Vorstellungen von der Ordnung, die einer Gemeinschaft inne wohnen muss sowie von Männlichkeit und Weiblichkeit und den Rollen, die diese zu erfüllen haben produziert und reproduziert. Die Societies vermitteln außerdem ein spezifisches Bild von Aussehen, Körperlichkeit und Perfektion. Sie verfolgen ein Ideal dessen, wie sich ihre Mitglieder verhalten, welche Charaktereigenschaften und welches Aussehen sie haben sollen. Frauen und Männer haben ihnen zufolge strikt getrennte Aufgaben, die an strenge Regeln gebunden sind, bei deren Übertretung mit harten Sanktionierungen zu rechnen ist.

Außerdem halten die Secret Societies die Balance zur spirituellen Welt. Sie nehmen Kontakt zu dieser auf, ehren sie und versuchen Konflikte zwischen den Welten zu lösen. Sie bedienen sich der Kräfte der spirituellen Welt in ihren Ritualen und Methoden:

"Their primary purpose is to canalize and control powers of the spirit world, many of which are captured in masks and other special artefacts" (Fanthorpe 2007:1).

Den Geheimgesellschaften tritt mensch durch Initiation bei, die aus Genitalbeschneidung bei Frauen und Beschneidung und Skarsifizierung bei Männern besteht. Durch diese wird die Verbindung zu den Ahnen geknüpft und die Transformation von Mädchen zur Frau bzw. vom Jungen zum Mann vollzogen. Nach der Initiation ist eine Person lebenslanges Mitglied der jeweiligen Society und kann immer wieder in den Society Bush (die Stätte der Initiation) zurückkehren, um weitere Kenntnisse zu erlangen und/oder die eigene Position in derselben zu stärken.

Meine Befragten beschreiben die Geheimgesellschaften meist unter Bezugnahme auf ihre soziale Funktion und erläutern, dass Mitglieder einer Society zusammenhalten. Somit entstehen auf lokaler, regionaler, aber auch politischer Ebene Interessensgruppen, denen die Unterstützung ihrer Mitglieder garantiert ist.

Die Societies tragen die Bezeichnung Secret, da sie vor Nichtmitgliedern geheim gehalten werden. Sie sind stark hierarchisch gegliedert und es ist unter Todesdrohung untersagt, mit Nichtmitgliedern über sie zu sprechen. Die Bezeichnung Secret muss jedoch weit ausgelegt werden, da Mitglieder durch ihre Narben meist klar erkennbar sind und es auch kein Geheimnis ist, wer einer Society angehört. „You can easily distinguish or identify a poro man by his scars on his back“ (Interview mit E). Auch die zentralen Rituale und Praktiken sind bekannt. Die Details und Spezifika jedoch bleiben der Öffentlichkeit verschlossen.

"Secret societies are common social groups that are found in all parts of our society. It is called secret society because the norms of these societies are taught by the authorities only to members and hidden from the public (…) as a medium of building a very strong social group" (Interview mit K).

Die starke soziale Einbindung und Gruppenzugehörigkeit wird ebenso betont, wie die Abgrenzung gegenüber anderen Societies und Nichtmitgliedern. Durch den Eintritt in eine der Geheimgesellschaften öffnet sich eine Bedeutungswelt, die vorher unzugänglich war. Mit Beitritt wird mensch Teil der Gruppe und hat Zugang zu Informationen, die anderen verborgen bleiben. Dies schafft ein starkes Zugehörigkeitsgefühl.

Durch das Verschwiegenheitsgebot entsteht eine klare Abgrenzung zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern. Mitglieder sind fortan gezwungen, Geheimnisse zu hüten, die sie lediglich mit Society Mitgliedern teilen dürfen. Dieser Umstand, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die anderen verschlossen bleibt, erfüllt die meisten meiner Befragten mit Stolz. Ihr Status in der Gesellschaft erfährt durch die Initiation einen entscheidenden Bedeutungszuwachs. Um diese ranken sich zahlreiche Geschichten. Vor allem Männer werden, so meine Erfahrung, meist als mutiger und stärker angesehen, wenn sie initiiert sind. Dazu kommt, dass diese Aufwertung in ihrer Selbstrepräsentation deutlich wird und sie meist entschieden selbstbewusster auftreten.

Durch die Erzählungen, die über die Society-Inhalte kursieren, und den Umstand, dass nur wenige Menschen genau Bescheid wissen, selbst Mitglieder nicht, werden die Geheimgesellschaften stark mystisch aufgeladen und erhalten eine fast uneingeschränkte Macht. In der Society wird eine Parallelwelt aufgetan, die nur in dieser gelebt werden kann, die allen anderen Menschen aber vollkommen verborgen bleibt. Diese Zugehörigkeit wird durch das Ritual der Initiation kreiert, welches die Mitglieder an die Society, ihre Bräuche und Gesetze bindet. Ein Hinterfragen oder Ablehnen nach Beitritt ist nicht möglich, da mensch hier schon an die Regeln der Society gebunden ist.

"Secret societies can be referred to as a bund of understanding a code of association among people who have common identities and practices that are kept among themselves [and] restricted to people who are non-members. Secret societies on our own perspective here means a kind of social group or a concrete relationship among people that will seal them together against anything they like or they dislike." (Interview mit R)

Ebenfalls wichtig ist die Rolle der Society als identitätsstiftende Gemeinschaft, der Personen mit ähnlicher sozialer Zugehörigkeit angehören. Identität setzt sich für meine Befragten in Sierra Leone aus verschiedensten Markern und Kategorien zusammen, die Zugehörigkeit vermitteln und die eigene Position und Wahrnehmung prägen. Solche Identitätskategorien sind hier u.a. die Society, die ethnische Gruppe, die Religion, das Geschlecht u.a.

Das westlich geprägte Konzept der Identifizierung mit dem Nationalstaat, dessen Nationalität mensch trägt oder in dem mensch seinen Lebensmittelpunkt hat, existiert in Sierra Leone so nicht. Ein Umstand, der das Ergebnis der Kolonialgeschichte und der daraus resultierenden, für die Bewohner_innen Sierra Leones willkürlichen, Gebietseinteilung und Bezeichnung aller in diesem Gebiet lebenden Menschen als Sierra-Leoner_innen, ist. Das willkürliche Zusammenwürfeln von Menschen verschiedener ethnischer Zugehörigkeit und Lebensrealität und das Aufoktroyieren des Sierra-Leonischen Nationalstaates schaffte zwar ein einheitliches politisches System und ein geografisches Konstrukt, eine einheitliche Identifizierung herrscht jedoch nach wie vor nicht.

Sierra Leone bleibt somit ein juristisches Konstrukt, das für die doch sehr verschiedenen ethnischen Gruppen als vorherrschende, primäre Kategorie wenig Sinn hat und mit der sie sich, selbst heute nach 53 Jahren Unabhängigkeit, nicht oder zumindest nicht primär identifizieren können. Die identitätsstiftende Gemeinschaft bleibt nach wie vor die ethnische Gruppe, die Religionszugehörigkeit und vor allem auch die Society.

Diese schaffen hier nun eine strikte Trennung der Geschlechter, da Frauen grundlegend anderen Societies angehören als Männer. Das Verschwiegenheitsgebot zementiert diese Differenz zwischen Männern und Frauen, die sich in vielen Fällen nur anderen Männern bzw. Frauen anvertrauen können, nicht aber ihrem_r Partner_in, der_die ein anderes Geschlecht und somit eine andere Society hat.

Außerdem wird eine Trennung entlang ethnischer Gruppen geschaffen, da diese ihre jeweils eigenen Geheimgesellschaften haben und auch die großen Societies, die Poro und die Sandé/Bondo regional jeweils unterschiedliche Ausprägungen aufweisen. So schaffen die Geheimgesellschaften einerseits eine starke Bindung unter Mitgliedern und andererseits eine massive Zersplitterung entlang verschiedener ethnischer Gruppen, eine Trennung der Geschlechter und starke Hierarchien innerhalb eines Geschlechts.

Meine Befragten begeben sich in der Auseinandersetzung zu Societies und ihrer Position zu den Geheimgesellschaften in einen Identifikations- und Positionierungskonflikt. Es finden Verhandlungen um die eigene Identität, das Verhältnis und die Einstellung zu Sierra Leone, sierra-leonischer Kultur und Gesellschaft statt. Subjekte fügen sich hier teilweise in gängige Strukturen ein, stehen ihnen kritisch gegenüber oder entwickeln vollständig neue Positionen. Die öffentliche Diskussion und Einmischung politischer Akteur_innen, internationaler Organisationen und NGOs in den letzten 10 Jahren hat zu einer weiteren Spaltung der Bevölkerung, zu neuen Diskussionen und Positionen beigetragen. Diese höchst vielschichtige und sensible Situation muss beachtet werden, wenn mensch die Verhandlungen um die Geheimgesellschaften in Sierra Leone verfolgt und einen Dialog mit den Menschen vor Ort sucht.

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